Ein regionaler Ältesten-Rat

…von Annika Taube

Katharina Phillipp und Simon Neitzel vom wirundjetzt-Netzwerk hatten zusammen mit Elke Loepthien vom Zentrum für Verbindungskultur für den 1./2. Oktober 2013 verschiedene Menschen aus ihrem Umfeld und regionalen Netzwerk, sowie aus der Lebensgemeinschaft Tempelhof eingeladen. Es kamen etwa 25 Männer und Frauen, im Alter zwischen Anfang 50 bis Mitte 70.

Es war berührend zu spüren und auch von den Leuten selbst zu hören, wie sehr sie sich über die Einladung zu dem Treffen freuten. Einige waren am Anfang unsicher, ob sie kommen dürften, da sie nicht so genau wüssten, ob sie überhaupt etwas zu geben hätten. Was sie geben können und wie sich ein Leben in einer Kultur anfühlen könnte, in der eine wertschätzende, einander unterstützende Verbindung zwischen Menschen verschiedener Generationen (ob sie nun verwandt sind oder einfach in derselben Region wohnen) gelebt wird, dafür hat das Treffen einen kleinen Eindruck vermittelt.

Am ersten Morgen tauschten sich nach einer Vorstellungsrunde die Teilnehmenden in kleinen Gruppen darüber aus, was sie in ihren jungen Jahren selbst gern von „Ältesten“ für Unterstützung bekommen hätten und welche Qualitäten sie sich von Ältesten gewünscht hätten. Sie sprachen auch über ihre eigenen Ängste und Zweifel und darüber, welches Geschenk für sie selbst darin verborgen war, nun in die Rolle von Ältesten zu treten.

Dann teilten sie in separaten Frauen und Männerkreisen miteinander, wie es sich für sie körperlich und im Gemüt anfühlt, älter zu werden, als Frau, als Mann und was ihnen dabei besonders wichtig und bedeutsam erscheint.

Später sprachen sie gemeinsam mit den nordamerikanischen Ältesten darüber, was es für sie selbst heißen könnte, hier vor Ort „Älteste(r)“ zu sein. Hier ein paar der Stichpunkte, die daraufhin in der großen Runde zusammengetragen wurden:

 

Was bedeutet es für mich, Älteste(r) zu sein?

• Stütze für Andere, Anderen den Rücken stärken, Erlebnisse weitergeben

• Jüngere lassen, wie sie sind. Jüngere ihren eigenen Weg und Lernfelder finden lassen. Bei Fragen da sein, ansprechbar sein.

• Glück und Freude in den Momenten, wo wir als Älteste gefragt werden

• Großer Erfahrungsschatz, der da ist, wenn es gewollt ist

• Blick für die Vielfalt und Eigenheit

• Das Nehmen / Annehmen vorleben, dem mit Würde begegnen

• Das Ältestendasein in sich selbst entwickelt haben. Zuversicht, Vertrauen, Ent-wicklung…diese Qualitäten vermitteln

• Wir selber geben dem Alter die Würde. Eigene Wertschätzung

• Wärme und Liebe entwickeln und ausstrahlen

• Vertrauen in das Leben steigen lassen. Lernen, mit offenen Fragen zu leben. Vertrauen in die Richtigkeit. Einssicht dass das, was mir widerfährt, gut ist, kommt immer schneller==>daraus wächst Vertrauen

• Narrenfreiheit. Selbstvertrauen. Humor. Güte, Schönheit

• Zentrierung, Ermutigung für das Leben: Dass Dinge, die passieren, in größeren Kontext eingespannt sind.

• Wissen, dass jede Erfahrung eine gute Erfahrung ist

• Hatten Zeit, in die Rollen reinzukommen und auch, um diese wieder loszulassen

• Gelegenheit, mehr in die eigene Stimmigkeit reinzuwachsen ==> daraus erwächst eine einladende Ausstrahlung

• Schöpferräume, Kreativität, Wandlungsfähigkeit

• „Weiches und Hartes“ Zusammenbringen, Wissen und Nichtwissen.

• Durchlässigkeit

• Vom Agieren zum Sein

• Chance, dass Loslassen zu üben

• Freude, Freiheit immer mehr man selbst zu sein

Am zweiten Tag wollten die Teilnehmenden unbedingt von uns Jüngeren hören, was wir uns von ihnen als „Älteste“ für Unterstützung wünschen würden.

Als Antwort darauf kamen zum einen Wünsche nach ganz praktischer Unterstützung, so beispielsweise von einigen, die zugezogen sind und hier weit entfernt von ihren Familien leben, der Wunsch nach „Ersatz-Großeltern“, die für die Kinder als Bezugspersonen da sind.

Andere wollten gern die alten Lieder und Geschichten über diese Region und zu den Jahreszeiten kennenlernen. Es wurden auch Fertigkeiten erwähnt, die wir gern erlernen würden, wie Einmachen, Stricken, Holz bearbeiten. Daneben ging es bei vielen darum, einen Ansprechpartner haben, eine/n Mentor/in, der oder die zuhört und bei schwierigen Entscheidungen um Rat gefragt werden kann. Dies bei persönlichen Fragen, aber auch beispielsweise bei der Planung von größeren Projekten.

Einige Jüngere erzählten, dass sie das Gefühl hätten, oft schon sehr „erwachsen“ und „hart“ zu sein, oder sehr viel Verantwortung zu tragen, ohne Zeit gehabt zu haben, in diese Rollen wirklich reinzuwachsen. Für sie wäre es mit Ältesten die hinter ihnen stehen leichter auch mal „klein“ und „weicher“ zu sein, sich in einem derart geschützten Raum die eigenen Schwächen und die Notwendigkeit zuzugestehen, zu lernen und zu wachsen.

Es wäre leichter, wenn Älteste da wären, die all dies ebenfalls schon durchlebt haben und nun mit ihrer Lebenserfahrung und Würde auch Verständnis und Humor für die Fragen und Herausforderungen des Lebens mitbrächten. Sofort boten sich einige der Älteren an, als RatgeberIn oder auch als Bonus-Großeltern ansprechbar zu sein.

Währenddessen saßen wir Jüngeren in einem Kreis zusammen, die Älteren in einem größeren Kreis drum herum und wir alle spürten, dass wir einander gut brauchen können.

Später erzählten der Shoshone/Cherokee Mala Spotted Eagle und die Tlingit-Frau Sky Young Sparrow von verschiedenen Qualitäten, die das Ältesten-Dasein in ihren naturverbundenen Kulturen auszeichneten. Ihre Beiträge waren Vorbild und Inspiration zugleich für die hilfreiche und unterstützende Position, die ältere Menschen in einer Gesellschaft einnehmen können.

Am Ende der zwei Tage gründeten sich zwei regionale Gruppen mit dem Ziel, einen Ältestenrat zu bilden. Die Teilnehmenden beschlossen, sich vorerst unter sich, in geschütztem Rahmen zu treffen, um sich gegenseitig in ihrer neuen Rolle als Älteste zu stärken. Zu einem späteren Zeitpunkt solle der Rat geöffnet werden, so dass Unterstützung suchende Jüngere mit ihnen in Kontakt treten können. Die passende Form dafür, wie zum Beispiel ein Frühstück oder ein nachmittägliches Teetrinken, soll im Austausch miteinander noch gefunden werden.

Die Regionalgruppe aus der Region Crailsheim/Tempelhof wandte sich zum Abschluss mit dem folgenden Anliegen an uns Jüngere: „Wem sollen wir Älteste werden, wenn die Jüngeren unserer Region uns nicht dazu einladen?“ Die Einsicht für uns alle war, dass es jüngere Menschen braucht, um ältere Menschen ins Ältesten-Dasein einzuladen. In der Kultur von Mala Spotted Eagle und Sky Young Sparrow gab es beispielsweise bei Zusammenkünften bestimmte Tische, die für Älteste reserviert waren und wo die älteren Menschen nach und nach von den Jüngeren hinverwiesen wurden, als Kennzeichen ihres Status innerhalb der Gemeinschaft.

So entstand zum Ende des Treffens die Idee, dass die Organisatoren mit jüngeren Menschen in Tempelhof in Kontakt treten und so auch dort einen Ältesten-Workshop starten, der von den Jungen initiiert, gewollt und in der Durchführung unterstützt wird.

Die Regionalgruppe aus der Region Deggenhausertal/Linzgau hat bereits Anfragen von weiteren Menschen, die gern Teil der Ältesten-Gruppe würden.

 

Annika Taube, Lellwangen 24.10.2013