Trauer ist viel mehr als traurig sein

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

shutterstock_53235814In Trauer sein bedeutet, einen unfassbar schlimmen Verlust zu erleben. Kein Mensch bleibt davon verschont, wir alle sind Trauer schon begegnet, und die meisten von uns viele Male.

Trauer bedeutet, etwas oder jemanden zu verlieren, der so bedeutsam und geliebt war, dass ich tiefen Schmerz durchleide, gleichzeitig ein Stück weit auch den Sinn und die Orientierung in meinem Leben verliere, ein Stück meiner Identität mir entgleitet, ich orientierungslos werde und nicht mehr spüren kann, wer ich selbst bin.

Unfassbar ist es, wenn ich jemanden verliere, der mir sehr nah und inniglich verbunden war, dem wir ich mich zugehörig erlebt habe, der oder die ein wichtiger Teil meines Lebens war. Dies kann ein Mensch sein, auch ein Tier, ein Haus in dem ich gelebt habe, ein vertrauter alter Baum, oder ein Platz, der mir Geborgenheit geschenkt hat.

Unfassbar ist es, wenn ich ein Stück von meiner eigenen Identität aufgeben muss, einen geliebten Beruf nicht mehr ausüben kann, oder durch Unfall oder Krankheit eine plötzliche Einschränkung meiner eigenen Fähigkeiten erleide.

Unfassbar ist die voranschreitende Zerstörung der Erde, die wir tagtäglich durch Nachrichten oder auch eigene Erfahrungen miterleben und mitansehen.

Ein Teil des Lebens

Trauer bedeutet, in eine Krise einzutauchen, die mich verändern wird, auf eine Weise, die niemand vorhersagen kann.

Du wirst nicht über den Verlust des Geliebten hinweg kommen, sondern lernen, damit zu leben. Du wirst wieder heil werden und dich selbst neu erschaffen, um diesen Verlust herum, den du erlitten hast. Du wirst wieder ganz sein, aber du wirst nie wieder so sein wie vorher, und solltest das auch nicht und würdest es auch selbst nicht wollen.”― Elisabeth Kübler-Ross

Trauer gehört von Anfang an schon zum menschlichen Leben dazu: Im Moment meiner Geburt erlebe ich als Mensch nicht nur das neu geboren sein in diese Welt, sondern auch den Verlust von fast allem, was bis dahin mein Leben ausgemacht hat – weil ich nicht länger wie eins sein kann mit dem mich umgebenden, tragenden, nährenden und wärmenden Mutterleib, ihren Herzschlag hörend, mit ihren Bewegungen schwingend. Auch im weiteren Heranwachsen durchlaufe ich immer wieder unterschiedliche Lebensphasen, zwischen denen jeweils Verlust und Abschied mich erwarten. So natürlich wie dieser Vorgang ist, so furchteinflößend und schmerzvoll ist er gleichzeitig auch, weswegen naturverbundene Kulturen diese Übergänge oft mit Ritualen begleitet haben.

“Leben bedeutet, zu verlieren was du liebst.”

Warren Brush

Der Trauer begegnen

Im menschlichen Leben ist Trauer allgegenwärtig. Und sie will von Anfang an bezeugt und gespiegelt werden. Sobonfu Somé, die dem Dagara Volk in Westafrika angehörte, lehrte uns, dass bereits ein Baby, wenn es weint, Erwachsene braucht, die ihm anschaulich Empathie schenken. Am besten gelingt dies, wenn sie seine Mimik, Gestik und seine Laute widerspiegeln, und dem Worte geben, was es fühlt. So erlebe das kleinste Kind, dass seine Gefühle wahrhaftig und von seinem Gegenüber angenommen sind. Würde es stattdessen ignoriert, aus dem Kreis der vertrauten Menschen weggeholt, oder müsste sich ein “das ist doch gar nicht schlimm” anhören, würde ihm nicht nur die Verbindung zum anderen verwehrt, es bekomme auch suggeriert, das mit ihm selbst etwas nicht stimme.

Aus einer auf natürliche Weise ausgedrückten Trauer, der nicht mit heilsamer Empathie und Verständnis begegnet wird, kann im Kind eine tiefe Scham entstehen, ein festsitzendes Gefühl “nicht gut” oder nicht “wertvoll” zu sein, das sich wie Gift in die Psyche des (heranwachsenden) Menschen einnistet und seine Fähigkeit schwächt, in gesunder Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen zu sein.

Einander beistehen

Auch als Erwachsene brauchen wir die Zeugenschaft und das Mitgefühl von anderen Menschen in Zeiten der Trauer. “Ich kann dies nicht alleine schaffen,” heißt es in einem Lied der Dagara, dass traditionell beim Begräbnisritual gesungen wurde. Inmitten der tiefen Krisen, die uns fordern, den Sinn unseres Lebens (wieder) zu finden, braucht es unbedingt den Beistand anderer Menschen, deren Aufmerksamkeit, Handlungen und Worte uns zu verstehen geben, dass wir nicht allein sind – auch und gerade weil wir uns in Zeiten der Trauer oft furchterregend allein fühlen.

Trost spenden bedeutet deshalb vor allem, mitzufühlen und die trauernde Freundin durch unsere Anwesenheit daran zu erinnern, dass wir da sind – für sie, mit ihr.

Elizabeth Kübler-Ross setzte sich dafür ein, dass wir trauernde Menschen, die wir begleiten, als LehrerInnen ansehen. Wir sollten ihnen erlauben, uns darüber zu lehren, was ihre Erfahrungen sind, statt bestimmte Ziele und Erwartungen zu konstruieren.

“Es ist nicht möglich, Systeme, Regeln oder emotionale Landkarten anzuwenden. Unsere Aufgabe ist es, selbst als Menschen präsent zu sein, nicht als Erretter. Eher ein Begleiter eher als ein Führer. Eher ein Freund als ein Lehrer. ” – Jon Welshons

Der Trauer-Berater Alan D. Wolfelt hat aus seiner Erfahrung mit Ritualen eine Art Modell fürs Begleiten bei schweren Verlusten entwickelt, in dem er beschreibt, wie ich als Unterstützende den Betroffenen erleichtern kann, ihren erlittenen Verlust zu integrieren, indem ich einfach präsent mit ihnen bin und sie aufmerksam beobachte – meinem Gegenüber also ein Gefährte oder Begleiter bin, und ihn ehre, Raum für ihn halte und ihn bezeuge.

Er schreibt:

  • Begleiter sein, bedeutet, mit dem Herzen zuzuhören, nicht mit dem Kopf zu analysieren.
  • Begleiter sein bedeutet neugierig zu sein, statt die eigenen Erfahrungen mitzuteilen.
  • Begleiter sein bedeutet, mit dem Schmerz des anderen präsent zu sein, nicht den Schmerz wegnehmen zu wollen.
  • Begleiter sein bedeutet jemandem zur Seite zu stehen, nicht selbst die Führung zu übernehmen.
  • Begleiter sein bedeutet, Chaos und Verwirrung zu respektieren, nicht Ordnung und Logik aufzudrängen.
  • Begleiter sein bedeutet, sich in die Wildnis der Seele eines anderen Menschen aufzumachen, jedoch nicht sich verantwortlich dafür zu fühlen, den Weg wieder heraus zu finden.

Trauer ist nicht dasselbe wie Depression

Im Gegenteil: Nur wenn Trauer keine Integration und Heilung findet, kann sie chronisch werden, sich verdichten, mit zahlreichen ernsthaften Krankheitssymptomen einhergehen (beispielsweise Krebs) und unter anderem zu schwerwiegenden und langwierigen Depressionen und auch Suizid führen.

“Ob ich trauere oder nicht ist nicht mir selbst überlassen – denn wenn Trauer da ist und ich mich dagegen entscheide bedeutet dies nur, es auf jemand anderen zu schieben, der diese Last dann für mich tragen muss.”

Martín Prechtel

Den Sinn im Trauern selbst finden

Viele Tierarten trauern um verstorbene Familien- oder Herdenmitglieder, beispielsweise Elefanten, Höckerschwäne, Löwen oder Schakale. Manche Wissenschaftler, wie Randolph Nesse sprechen davon, dass der Schmerz des Verlustes dabei helfe, sich auch in Zukunft, sogar umso mehr für den Schutz von beispielsweise den eigenen Kindern einzusetzen. Andere Forscher, wie John Archer gehen davon aus, dass Trauer einfach eine Kehrseite von unserer Fähigkeit ist, innige, tragfähige Bindungen miteinander einzugehen.

Martín Prechtel, der tief vertraut ist mit dem guatemaltekischen Volk der Tz’utujil, schreibt dass ohne Trauer die Welt aufhören würde, sich zu erneuern, aufhören würde, zu existieren.

Sie ist tatsächlich ein fundamentaler Bestandteil unserer Menschlichkeit und Verbindungsfähigkeit.

“Trauer ist dasselbe wie Lobpreisen, es ist die natürliche Weise, mit der die Liebe das ehrt, was sie vermisst.”

Martín Prechtel

Trauern und Lobpreisen sind die Lieder der Liebe

shutterstock_50114662Trauer zeigt uns und den Menschen um ums herum, was wir so inniglich geliebt haben. Indem wir unsere Trauer zeigen und miteinander teilen würdigen und feiern wir das (oder denjenigen), das wir verloren haben. Unsere Tränen seien wie Nahrung für die Ahnen, sagte Sobonfu Somé. Nur das was ich liebe, kann ich betrauern. Und so kann die Trauer mir selbst zeigen, wie viel Liebesfähigkeit in mir wohnt. Die Kraft zu lieben macht mich so verletzlich. Und in dieser Verletzlichkeit bin ich verbunden, mit allen anderen Menschen. Denn die Trauer besucht jeden von uns.

Die Antwort zum Geheimnis des Lebens ist die Liebe, die dir manchmal so wenig perfekt erschien, und wenn der Verlust dich zum Erkennen der tieferen Schönheit und Heiligkeit darin erweckt, kannst du dich eine lange Zeit nicht von deinen Knien erheben, nicht wegen der Last des Verlustes, sondern wegen der Dankbarkeit für das was vor dem Verlust kam.”  
― Dean Koontz

So schlummern inmitten der größten Traurigkeit oft auch große Dankbarkeit, Wertschätzung, und Weisheit. Bei den Dagara, wie auch bei den Anishinabe in Nordamerika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen sind das Danken, Würdigen und Feiern, und sogar das herzhafte, befreiende Lachen ein willkommener und wesentlicher Teil des Trauer-Prozesses.

Das von Innen heraus sich wellenartig ausbreitende Schütteln bei tiefem Lachen ebenso wie bei tiefem Weinen vollbringt unser Körper mit denselben Muskeln – beide sind also ganz nah verwandt, und manchmal geht das eine ins andere über und wandert wieder zurück. Indem ich mir erlaube, frei heraus und im Fluss mit den Ereignissen des Lebens zu trauern, wächst auch meine Kapazität, Freude und sogar Glückseligkeit tiefer und intensiver zu empfinden.

„Nur Menschen, die in der Lage sind voll und ganz zu lieben, können auch großen Schmerz durchleiden, doch genau dieses Bedürfnis, zu lieben, schenkt ihnen einen Gegenpol zu ihrer Trauer und heilt sie.“

Leo Tolstoi

 

Viele Gesichter

Viele Menschen, vor allem auch kleine Kinder durchleben laut Sobonfu Somé einfache, auf einen Moment beschränkte Trauer in bestimmten Phasen.

Wenn ein Kind sich weh tut, lassen sie sich oft gut beobachten: Auf den ersten Schock/Schreck folgen mehr oder weniger starke Emotionen wie Wut oder Traurigkeit, die ganz natürlich einen stimmigen Ausdruck finden. Danach stellt sich ein Gefühl von Entspannung und Leere ein, ein Raum in dem innerer Frieden und später auch Leichtigkeit und Humor oder sogar Freude wie von selbst Einzug halten.

Bei Erwachsenen ist Trauer oft von vornherein komplexer und dockt zudem oft an vergangener, nicht vollständig ausgedrückter Trauer an. Deshalb ist es kaum möglich, klar abgrenzbare Phasen oder Abläufe zu beschreiben, die als besonders hilfreich oder unterstützend gelten könnten. Die Wissenschafts-Journalistin Ruth Davis Konigsberg hat hierzu ganz verschiedene Studien ausgewertet, die letztendlich vermitteln, dass es kein einheitliches Trauer-Erleben oder Verarbeiten gibt. 

Trauer hat so viele verschiedene Gesichter wie es Menschen gibt: Leugnen und Stumpfheit, Zorn und Raserei, Angst und Panik, Einsamkeit und Hilflosigkeit, Schock und Starre, Rastlosigkeit oder Antriebslosigkeit, Erzählen, Stille, weinen und zittern, sich übergeben, schwitzen oder frieren, Schmerzen oder Empfindungslosigkeit, Atemlosigkeit, Sehnsucht, Erregung, Erschöpfung, schreien, wehklagen, singen oder wimmern, etwas kaputt machen wollen, sich bewegen oder rennen wollen die Augen schließen, sich einrollen und verstecken wollen, gehalten werden wollen oder überhaupt gar nicht berührt werden wollen… all dies und viel mehr sind Ausdrucksformen der Trauer, die dabei helfen können, die Trauer zu bewegen und zu verarbeiten.

 

Trauern wieder erlernen – für eine friedvolle Kultur

In der Geschichte vom Großen Frieden der Haudenosaunee Konföderation in Nordamerika wird die Notwendigkeit beschrieben,

What if grief is a skill, in the same way that love is a skill, something that must be learned and cultivated and taught? What if grief is the natural order of things, a way of loving life anyway? Grief and the love of life are twins, natural human skills that can be learned first by being on the receiving end and feeling worthy of them, later by practicing them when you run short of understanding.
– Stephen Jenkinson, Author

Ein ritueller Raum

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Das Heilige Feuer, ein Ritual das über den Anishinabe Friedensstifter Paul Raphael sowie unseren jahrzehntelang in den Traditionen einer Gruppe von Oglala Lakota ausgebildeten Salvatore Gencarelle zu uns gekommen ist, schenkt einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.

Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind.

Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind und warum wir hier auf der Welt sind.

Oder wie der Schriftsteller John Greene es ausdrückt: “Die Trauer verändert dich nicht, sondern sie enthüllt wer du bist.”

 

Wenn du mehr über das Heilige Feuer erfahren möchtest, sei herzlich willkommen im November 2017 auf dem Beuerhof. Mehr Informationen dazu findest du hier…

 


Peace & Permaculture – regeneratives Gestalten für eine Welt in Frieden

Warren Brush erzählt in seinem Vortrag bei der Internationalen Permaculture Convergence in Jordanien im September 2011 über seine Erfahrungen an der Schnittstelle von Peacemaking, Permakultur, naturverbundener indigener Lebensweise und den Auswirkungen all dessen für ein Ende des Bürgerkriegs in Liberia.

 

 

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

 

Warren BrushWorkshop Peace & Permaculture im August 2016

 

permaculture-7Permakultur-Design-Zertifikats-Kurs 2017


Neues vom wirundjetzt!–Netzwerk

wirundjetztlogoLiebe Freunde und Interessierte an einem Kongress der Nachhaltigkeit im BodenseeRaum,

Wenn Zukunft gelingen will, dann brauchen wir Kooperation und kraftvolle Strukturen, welche die Impulse aus der Zivilgesellschaft organisieren.
Die Idee einer umfassenden Zusammenkunft von Initiativen rund um den Bodensee (Arbeitstitel „Konferenz für Nachhaltigkeit“) dient diesem Ziel: 

Sowohl Christian Felber von der GWÖ als auch Charles Eisenstein haben ihr Interesse an der Konferenz zugesagt und stehen hinter uns, sie stärken also das Feld der Umsetzung.

Unser Vorschlag: Treffen und Arbeiten in einer intensiven Klausur vom 29.-31.7. in Wangen am Untersee (Beginn Freitag 14:00 Uhr, Ende Sonntag 16:30 Uhr).

Wir haben einen wunderschönen Platz direkt am Bodensee ( Stein am Rhein) für euch ausgesucht und gefunden. Es gibt genug Platz zum Zelten und Feuer machen.
 
JedeR ist herzlich eingeladen mit uns zu sein und sich mit seinen Ideen, seinem Wissen und seinen Ressourcen einzubringen. Wir möchten mit euch zusammen tragen was schon alles da ist und wir möchten am Ende des Wochenendes ein Konzept erarbeitet haben, mit dem wir dann gemeinsam in die Welt gehen können.
 
Mehr Informationen hier…
Kontakt: Simon Neitzel simon.neitzel@wirundjetzt.org

Mehr als Spiegelneuronen – Wie wir VERBUNDEN miteinander sind

Wenn wir uns miteinander verbinden “[…] erfahren wir eine Resonanz unserer beider Gehirne, unserer beider limbischer Systeme. Unser zentrales Nervensystem beginnt, sich zu beruhigen. Unser Gehirn ist das einzige Organ, das sich nicht in sich selbst reguliert, sondern sich im Außen, durch ein anderes Gehirn reguliert. Wir brauchen einander, um unsere Gehirne zu regulieren.“ 

Hedy Schleifer beim TEDxTelAviv

connectionSeit der Entdeckung der Spiegelneuronen wissen wir, dass wir von Gehirn zu Gehirn miteinander verbunden sind. Der Hirnforscher Dan Siegel beschreibt, wie im Gehirn eines Menschen die Neuronen für “Essen” und “Trinken” feuern, wenn er jemand anders beim Essen und Trinken beobachtet – ebenso wie wenn er selbst in dem Moment Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen würde.

Verbindung

verbindungDan Siegel geht noch einen Schritt weiter und erklärt, dass die Spiegelneuronen nicht nur das Verhalten einer anderen Person in unserem Gehirn abbilden würden, sondern auch deren emotionalen Zustand. Er schreibt, man könne die Spiegelneuronen auch “Schwamm-Neuronen” nennen, weil sie nicht nur spiegeln würden, was die anderen tuen, sondern wir durch sie wie ein Schwamm in uns selbst aufnähmen, in welchem Zustand sich unser Gegenüber gerade befinde. In der Wissenschaft würde man dieses Phänomen “emotionale Ansteckung” nennen.

Der innere Zustand des anderen – ob Freude, Verspieltheit, Traurigkeit oder Angst beeinflusst somit unseren eigenen Geisteszustand. Wir nehmen den anderen Menschen mit in unsere eigene innere Welt auf.

In seinem Vortrag: Die Neurobiologie des WIR nennt Dan Siegel diesen Vorgang ein im Wortsinn gemeintes sich-miteinander-verbinden. Aus zwei unterschiedlichen Menschen entstehe im gemeinsamen Kontakt tatsächlich ein WIR, eine zwischenmenschliche Integration finde statt, in der jeder Beteiligte er selbst bleibe und doch mit der anderen Person zusammenfinde zu einem gemeinsamen und aufeinander abgestimmtem Ganzen.

So nähert die Hirnforschung sich vielleicht dem an, was Sobonfu Somé aus der Sicht ihrer Kultur den “Beziehungsgeist” nennt, ein drittes “Wesen”, das entstehe, wann immer zwei Menschen in Beziehung miteinander treten.

Der Raum dazwischen

DSC_0644-1Auch der jüdische Philosoph Martin Buber schrieb: „Beziehung lebt im Raum zwischen uns. Sie lebt nicht in mir und nicht in dir, nicht mal in unseren Dialog. Beziehung braucht den Raum zwischen uns, um sich zu entfalten… Dieser Raum ist heilig.”

Dan Siegel betont, dass es für eine gelingende Verbindung oder interpersonale Integration von zwei Gehirnen und den dazugehörigen Menschen erforderlich sei, dass jede/r BeziehungspartnerIn sich selbst gut kenne und wahrnehmen könne, über ein klares “Ich”-Gefühl in dem Moment verfüge.

Der Weg zum Anderen

Hedy Schleifer beschreibt, wie wir durch ein achtsames mit-uns-selbst-in-Verbindung kommen (wahrnehmen, was in mir selbst lebendig ist), dann ein aufmerksames über die Brücke gehen und den anderen in seiner Welt besuchen und wahrnehmen, was in ihm lebendig ist, es schaffen können, Verbindung zur Essenz des anderen Menschen aufzunehmen.

In dem Moment wo wir spüren und widerspiegeln oder mit Worten beschreiben, was wir in dem anderen wahrnehmen, berühren wir auf eine Weise die Essenz des anderen. So entsteht die nährende Verbundenheit, die dazu führt, dass sich unser gesamtes Nervensystem entspannen kann.

(Ver-)Bindung durch Mitgefühl

DSC04567-001Die Dagara in Burkina Faso wissen scheinbar um diesen Zusammenhang, denn eines der Grundprinzipien im Zusammensein mit Kindern (und Erwachsenen) das Sobonfu Somé vermittelt ist, mitzufühlen und dieses Mit-Fühlen auch deutlich dem anderen zu zeigen. Sobald ein Kind im Raum weint, lenkt sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden genau dort hin, erwidert selbst das Weinen und bekräftigt das Kind in seinem emotionalen Ausdruck.

Auch aus der Bindungsforschung wissen wir, dass diese Art von “gesehen werden” grundlegend wichtig ist, damit Kinder eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen entwickeln können. Sobonfu Somé sagt, dass ein Kind, was beispielsweise gestolpert ist und sich gestoßen hat, wenn sein Leiden ignoriert oder abgelehnt wird, auch so einen  relativ kleinen schmerzvollen Moment nicht vollständig und gesund verarbeiten könne. Vielmehr würde ihm durch eine verständnislose Reaktion vermittelt werden, dass es selbst etwas falsch gemacht habe oder sogar, dass es selber falsch sei.

Von Geburt an

DSC_0541Bei den Dagara wird schon die erste Begegnung eines Neugeborenen mit den Menschen des Dorfes so gestaltet, dass im Kind Resonanz und das Gefühl, angenommen zu sein, entstehen kann. Dabei imitieren die kleinen Kinder der Gemeinschaft die allererste Lautäußerung des Neugeborenen und erwidern somit seinen emotionalen Ausdruck. Auf diese Weise, sagt Sobonfu Somé, könne der Geist des kleinen Kindes erfassen, dass es am richtigen Ort angekommen ist.

Fehlende Bindung nachholen

Das Bindungsverhalten unserer frühen Bezugspersonen ist entscheidend dafür, wie sehr wir selbst als Erwachsene in der Lage sind, nun mit anderen Menschen sichere Bindung zu erleben und zu schenken.

Gerade in den letzten Jahren haben PsychologInnen wie Sabine Bode und Anne-Ev Ustorf in Deutschland begonnen, offen zu dokumentieren, wie stark die Erfahrungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg die Generation der heutigen Eltern und Großeltern geprägt haben. Unzählige unverarbeiteter Traumata haben vielfach dazu geführt, dass die Kinder der Kriegskinder keine sichere Bindung erleben und erlernen konnten.

DSC_1220Neben psychotherapeutischen Methoden ist es auch durch Meditation und Achtsamkeitspraxis möglich, für sich selbst ein Stück weit die Erfahrung sicherer Bindung nachzuholen. Indem ich die Rolle des Beobachters einnehme, meine körperlichen und emotionalen Zustände und Reaktionen wahrnehme, kann ich ihnen mit Mitgefühl und Zuwendung begegnen. Anstatt etwas negativ Besetztes, das sich in mir regt (wie Trauer, Wut, Hass oder andere Emotionen) abzulehnen oder zu verstecken, kann ich ihnen aus meinem erwachsenen Selbst heraus mit Verständnis begegnen – mich selbst annehmen mit allem was da in mir ist.

So schaffe ich es, die unterschiedlichen Anteile meiner Persönlichkeit zu integrieren – dabei gestalte ich buchstäblich mein Gehirn und damit auch meine Art in der Welt zu sein neu.

Bindung im Kreis

DSC_1486Auch in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Gruppen und Teams ist es möglich, einander (Ver-)Bindung zu schenken. Indem wir die unterschiedlichen Aspekte unseres Selbst miteinander teilen, davon erzählen, Emotionen zum Ausdruck bringen und einander mit Annahme und Zuwendung begegnen, erschaffen wir immer wieder neu eine Art des Zusammenseins, die Verbindung schafft und damit in jedem einzelnen von uns die Bindungsfähigkeit stärken kann. Und dank der Spiegelneuronen sind wir bestens dafür ausgestattet, dies zu tun, besonders wenn Menschen anwesend sind, an deren sicherer (Ver-)Bindung unser Gehirn andocken kann. Dies nennt Dan Siegel “positive mentale Modelle” – denn jedes Mal wo wir im Kontakt mit einem anderen Menschen Wärme, Verbundenheit und Geborgenheit erfahren, richtet sich unser Gehirn und damit unser gesamtes System ein Stückchen weiter in Richtung sicherer Bindung aus.

Durch das Verbinden ermöglichen wir somit füreinander, nach und nach einschränkende Verhaltens-Muster abzulegen, die wir vielleicht schon lange mit uns tragen.

Goldberg’s Anzug

Hedy Schleifer erzählt die Geschichte vom Schneider Goldberg, dessen Kunde ihn mit seinem neuen Anzug aufgebracht besucht:

Herr Goldberg, dieser Ärmel passt überhaupt nicht.“
„Ja, sagt Goldberg, für diesen Ärmel müssen Sie Ihre Hand eher so halten.“
„Na gut“, sagt der Kunde und hält die Hand wie ihm gezeigt wurde.
Aber schauen Sie mal diesen Arm hier an, und dieses Bein – die passen auch nicht.“ Goldberg gibt ihm weitere Empfehlungen dazu, wie der Arm und das Bein zu halten seien. Zufrieden mit dem Ergebnis bezahlt der Mann und geht hinaus auf die Straße.

Eine Frau sieht ihn im Vorbeigehen und platzt heraus: „Was für ein fantastischer Schneider! Schaut, er hat etwas für einen Menschen mit so einem verdrehten Körper gemacht, und es passt ihm wie angegossen.“

Dieser Mann seien wir selbst, sagt Hedy Schleifer. Wir hättenen jede Menge Zeug um unsere Essenz herum angesammelt, von dem wir glaubten, das wären wir.

In den Momenten aber wo wir wahrhaftig in Verbindung gehen, wird unser Geist genährt, die Verrenkungen fallen ab und unsere Essenz kann wieder sichtbar werden.

Ein “Ja-Zustand” als fruchtbaren Boden

Nicht immer sind wir in der Lage, selbst in Verbindung zu gehen und sie bewusst zu empfangen. Wenn wir beispielsweise wie im Versuch von Dan Siegel mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander nichts als das Wörtchen “Nein” hörten, würden die meisten von uns allein dadurch, eher in einen verschlossenen Zustand übergehen, wo unsere Handlungsmöglichkeiten sich auf Varianten von Flüchten, Kämpfen oder Erstarren beschränkten.

Fürs Verbindungen knüpfen brauchen wir idealerweise den empfänglichen “Ja-“Zustand, dem die meisten Menschen sich näher fühlen würden, wenn sie mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander das Wörtchen “Ja” gehört haben. Er ist davon gekennzeichnet, dass Gesicht und Stimmbänder sich entspannen, Blutdruck und Herzschlag sich beruhigen und wir uns bereit fühlen, etwas von jemand anders zu empfangen oder etwas zu schenken. Es ist eine mögliche Beschreibung für das vom Mohawk Chief Jake Swamp überlieferte Friedensstifter-Prinzip von “Frieden” (das in Büchern der Irokesen-Konföderation, eines nordamerikanischen Völkerbunds, oft als “Gesundheit” erscheint).

Konflikte in Verbindung lösen

VerbundenheitDer Moment der Verbindung trägt für beide Menschen das Potential zur Veränderung in sich – für den Bezeugenden sowie auch den Bezeugten.

Dan Siegel empfiehlt, Kindern von klein auf zu ermöglichen, Konflikte mit dem Blick auf die Gemeinschaft oder die Beziehung zu lösen. Im Friedensstiften finden wir das Prinzip der “Guten Worte” bzw. der “Rechtschaffenheit“, das uns dazu inspiriert, das Wohl des anderen ebenso zu bedenken wie das eigene Wohl und das Wohlergehen der Gemeinschaft, sowie der zukünftigen Generationen.

Durch ein gemeinsames Suchen nach Punkten echter “Einigkeit”, nach einer Lösung mit der alle Betroffenen sich gesund und glücklich fühlen können, stärken wir unsere Verbundenheit miteinander und fördern unsere Konfliktlösungsfähigkeit. Wir lernen uns außerdem selbst besser kennen, denn für den Prozess ist es notwendig, genau zu wissen, welche Bedürfnisse im Kern unserer Wünsche und Vorstellungen liegen.

Laut Dan Siegel gehören zur verbindungs-orientierten Konfliktfähigkeit auch aktive Bemühungen um eine angemessene Form der Wiedergutmachung, wenn es in einem Streit Verletzungen gegeben hat, so dass die Bedürfnisse unseres Gegenübers gestillt werden können.

Leben in Verbindung

Indem wir mit Empathie und Aufmerksamkeit für uns selbst die Brücke zur Welt des anderen überqueren, bereit gemeinsam einen Weg der Einigkeit zu finden, können wir oftmals Dinge erkennen, von denen wir keine Ahnung hatten, dass sie existieren und Lösungen finden, die wirklich schöpferisch und kreativ sind.

Unser Gehirn ist ein soziales Organ, das bereits vor der Geburt dafür gemacht ist, in Beziehung zu sein. Es formt sich dadurch, dass wir mit anderen lebenden Wesen in Kontakt sind.

Und nichts beeinflusst nachweislich unser subjektives Empfinden von Glück und Zufriedenheit so sehr, wie unser in-Verbindung-mit-anderen-sein, bei gleichzeitigem Bewusstsein für die eigene, einzigartige und vielschichtige Identität.

Laut einer 2002 durchgeführten Studie von Ed Diener, ist es vor allem das Vorhandensein von gesunden und mit viel Nächstenliebe von uns geführten Beziehungen, die darüber Aufschluss geben, wie glücklich wir selbst sind.

Oder wie Desmond Tutu es sagt: “In Wahrheit sind wir, was wir sind, weil wir verbunden sind.”

 

Mehr dazu:

Emiliana Simon Thomas: http://greatergood.berkeley.edu/article/item/want_to_be_happy_make_your_relationships_exceptional

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs (HERDER spektrum)

Dan Siegel: Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes

Dan Siegel:Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation: Vorwort von Daniel Goleman

Dan Siegel: The Neurobiology of We

Vortrag von Hedy Schleifer beim TED TelAViv:


Gemeinschaft mit den Nachbarn – Artikel in der Oya 38/2016

image1In der Oya 38 zum Thema “Nachbarschaft” ist ein Leitartikel von Elke Loepthien: “Gemeinschaft mit den Nachbarn – Ein Schnellkurs im Verbindungsweben mit Menschen jeglicher Art im Alltag”. 

Wenn du magst kannst du dieses Heft kostenlos bekommen, indem du einfach eine Email an folgende Adresse schickst:

leserservice@oya-online.de
Betreff: Nachbarschafts-Oya/Elke Loepthien
Text zum Beispiel:  Liebes Oya-Team, ich bitte um ein unverbindliches, kostenloses Probeheft der Oya Ausgabe 38 zum Thema „Nachbarschaft“ mit dem Artikel von Elke Loepthien.
Dann deine postalische Adresse angeben.

Wer über www.oya-online.de ein Probeheft bestellt, bekommt immer die vorletzte Ausgabe zugeschickt. Deshalb klappt es nur, wenn du die Bestellung direkt per E-Mail an den Leserservice sendest.

Online findest du den Artikel hier.

Viel Spaß beim Lesen!


Verbindung zwischen den Generationen – Gründung eines regionalen Ältesten-Rats

…von Annika Taube

Auf die Initiative vom Zentrum für Verbindungskultur und der Transition Town-Netzwerk-Organisation wirundjetzt kam es Anfang Oktober zu einer sehr besonderen Begegnung:

Katharina Phillipp und Simon Neitzel von wirundjetzt hatten einige Menschen ihres Umfelds zwischen 50 und 75 Jahren zu einem zweitägigen Treffen eingeladen.

Ziel der zwei Tage war es, Raum für ein gemeinsames Nachdenken zu schaffen über die Frage:

Was könnte es für die Menschen unserer Region bedeuten, „Älteste(r)“ zu sein?

Ausgangspunkt für die Organisation eines solchen Treffens war die Beobachtung, dass in anderen Kulturen den „Ältesten“ aufgrund ihrer Lebenserfahrung eine wichtige und hoch angesehene Stellung in der Gesellschaft zukommt, von der aus sie den jüngeren Leuten beratend zur Seite stehen und im Gegenzug von ihnen gewürdigt und umsorgt werden. Unseres Erachtens gibt es in unserer Gesellschaft zwar Bereiche der Begegnung, aber eine bewusst wertschätzende und von gegenseitiger Unterstützung geprägte Verbindung zwischen den Generationen stellt eher eine Ausnahme dar.

Mala_u_SkyBei dem zweitägigen Treffen tauschten sich die etwa 25 eingeladenen Menschen darüber aus, was sie im Laufe ihres Lebens darüber gelernt haben was es bedeutet „den eigenen Weg auf eine gute Weise zu gehen“. Zudem teilten zwei Menschen aus Kulturen, in denen Ältesten ein besonderer Platz in der Gemeinschaft eingeräumt wird, die Sichtweisen und Erfahrungen ihres Volkes. Mala Spotted Eagle (Shoshone/Cherokee) und Sky Young Sparrow (Tlingit) aus Oregon/USA sprachen unter anderem darüber welche charakterlichen Qualitäten und Verhaltensweisen „Älteste“ in ihrer Kultur auszeichnen.

Teil des Generationen-Dialogs war es auch, dass die Älteren die Jüngeren fragten, welche Art von Unterstützung sie sich wünschen würden.

Resultat des Treffens war die Gründung eines Ältestenrats in unserer Region Deggenhausertal/Linzgau. Dieser Ältestenrat wird sich demnächst ein zweites Mal treffen und darüber sprechen, welche Form dieser Kreis bekommen soll und wie es ermöglicht werden kann, dass der Ältesten-Rat von den mit wirundjetzt verbundenen Organisationen für einen guten Rat oder auch für die Bitte um anderweitige Unterstützung aufgesucht werden kann.

Einen ausführlichen Bericht über das Treffen findet ihr hier.