Peace & Permaculture – regeneratives Gestalten für eine Welt in Frieden

Warren Brush erzählt in seinem Vortrag bei der Internationalen Permaculture Convergence in Jordanien im September 2011 über seine Erfahrungen an der Schnittstelle von Peacemaking, Permakultur, naturverbundener indigener Lebensweise und den Auswirkungen all dessen für ein Ende des Bürgerkriegs in Liberia.

 

 

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

 

Warren BrushWorkshop Peace & Permaculture im August 2016

 

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Storytelling und Was passiert im Gedächtnis wirklich?

 

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Geschichten als eine Hälfte des Wissens

Der Harvard-Professor Marshall Ganz schreibt, wir würden die Welt auf zwei Weisen interpretieren: Analyse und Erzählung. Während es bei der Analyse um Vernunft und Beweise gehe, würden wir unser Verständnis davon, wer wir sind, wohin wir gehen und warum durch Erzählung entwickeln. Erzählungen drückten eher aus, wie wir bestimmten Dingen gegenüber empfinden, als was wir über sie denken. “Die ‘Wahrheit’ einer Geschichte liegt darin, wie sie uns bewegt,” schreibt er. “Diese uralte Form der Interpretation hilft uns dabei, die Frage zu beantworten WARUM wir handeln sollten – was unsere Motivation ist.”

Marshall Ganz unterrichtet ein Fach, dass sich “Public Narrative” nennt – Öffentliches Erzählen. Er beschreibt sein Grundverständnis wie folgt: “Geschichtenerzählen ist handlungsorientiertes Reden – wir übertragen damit unsere Werte direkt in eine Motivation zum Handeln. Eine Geschichte besteht aus nur drei Elementen: die Handlung, die Charaktere und die Moral. Die Auswirkungen der Geschichte hängen vom Rahmen ab: Wer die Geschichte erzählt, wer zuhört, wo diese Menschen sich aufhalten, warum sie dort sind und wann.”

Besondere Bedeutung misst er der eigenen, persönlichen Geschichte bei: Wir würden dabei enthüllen, was für ein Mensch wir sind, was die Quellen unserer Werte sind, auf eine Weise die es anderen ermöglicht, sich damit ein Stück weit zu identifizieren. Je mehr Details aus unserem Leben wir dabei erinnerten, desto mehr könnten wir unser Gegenüber bewegen.

Verbreitete Mythen über das Gedächtnis

Der Begründer der Interpersonalen Neurobiologie Dan Siegel beschreibt in seinem Buch “The Whole Brain Child” zwei weit verbreitete, falsche Annahmen darüber, wie das Erinnern funktioniere:

Mythos #1: Gedächtnis sei wie eine Art Karteikasten im Kopf. Wenn du dich an etwas erinnern willst, bräuchtest du nur den richtigen Hefter im Gehirn hervorzuziehen und die Erinnerung läge vor dir. 

In Wirklichkeit ginge es beim Erinnern vor allem ums Assoziieren, betont Siegel. Das Gehirn sei eine Art “Assoziations-Maschine”, wo etwas Gegenwärtiges wie ein Gedanke, ein Gefühl, ein Geruch oder Bild beständig mit etwas Vergangenem verknüpft würde. Die vergangenen Erlebnisse beeinflussten also andauernd, was und wie wir in der Gegenwart wahrnehmen.

Damit beschreibe der Begriff Gedächtnis an sich eigentlich die Art und Weise in der ein vergangenes Erlebnis sich auf die Gegenwart auswirke. Da jedes Mal wenn Dinge sich gleichzeitig ereignen die dafür stehenden Neuronen gleichzeitig “feuern”, kommt es zu Verbindungen, die aktiviert werden, sobald einer der beiden Reize stattfindet. Wenn ich beispielsweise mehrere Male erlebt habe, dass vor Beginn eines Workshops der Raum geräuchert wird, löst der Geruch von Salbei (oder was auch immer verwendet wurde) in mir ein (vielleicht sogar unbewusstes) “mich innerlich bereit machen” aus, weil mein Gehirn aufgrund der vorherigen Erfahrungen erwartet, dass jetzt gleich etwas losgeht.

Mythos #2: Gedächtnis sei wie eine Art Kopiergerät. Wenn man Erinnerungen abruft würde man eine genaue Reproduktion dessen sehen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. 

Auch hier betont Siegel, dass dies nicht der Realität entspreche. Vielmehr würde man sich zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich erinnern. Der Vorgang des daran Erinnerns verändere ein Erlebnis, manchmal leicht, manchmal sogar ganz drastisch. Deshalb gibt eine unserer Ältesten, Julie Langhorne aus Kalifornien, oft den Rat, bei Konflikten nicht zu probieren, Geschehnisse aus der Vergangenheit zu Rate zu ziehen, denn “alle Beteiligten erinnern sich sowieso falsch”.

Oder wie Siegel es nennt: “Die Geschichte die du erzählst, ist weniger eine Abbildung der tatsächlichen Historie, als eine auf der Historie basierende Fiktion.”

Zwei Arten des Erinnerns

Wenn man Autofahren lernt, braucht es eine ganze Weile, bis alle unterschiedlichen Handlungen miteinander koordiniert sind und flüssig ablaufen: Kuppeln, Gas geben, Schalten, Lenken, Blinken, Bremsen, Schalten… erst mit der Zeit schaffen wir es, dies ohne groß nachzudenken zu tun und dann später nebenbei vielleicht sogar Unterhaltungen zu führen, zu essen, die Schönheit der Landschaft wahrzunehmen oder uns im Gewirr einer großen Stadt zu orientieren.

Dies ist laut Dan Siegel eine Form des Erinnerns: Vergangene Erfahrungen beeinflussten unser Verhalten in der Gegenwart – ohne dass wir uns überhaupt bewusst seien, dass unser Gedächtnis gerade aktiv ist. Man nennt dies “implizites Erinnern“.

In dem Moment wo wir statt des Autofahrens aber zurück denken würden an die ersten Stunden in der Fahrschule, die dazugehörigen Emotionen und Körpergefühle wieder in uns wach werden ließen, seien wir uns bewusst, dass wir gerade etwas erinnerten. Der Begriff hierfür ist “explizites Erinnern“.

Der Haken unbewusster Erinnerungen

Unser gesamtes Leben lang, würden wir so schreibt Siegel, implizite Erinnerungen speichern. In den ersten 18 Lebensmonaten sogar ausschließlich. Diese impliziten Erinnerungen seien der Grund dafür, dass in uns Erwartungen entstünden, darüber wie die Welt funktioniere. Im Kern wäre dies ein Prozess dessen Sinn und Zweck es sei, uns sicher und außerhalb von Gefahren zu halten. Wenn wir etwas sehr Unangenehmes erleben, wird ein Teil der Geschichte (zunächst) implizit gespeichert. Ein kleines Kind, dem beim ersten Tauchversuch jede Menge Wasser in die Nase läuft, wird vielleicht Monate später beim Anblick eines Sees alles daran setzen, nicht hineingehen zu müssen.

Siegel schreibt: “Wann immer ein Kind sich ungewöhnlich unvernünftig zu verhalten scheint, kann dies vielleicht daran liegen, dass eine implizite Erinnerung ein mentales Modell erschaffen hat, bei dessen Erforschung wir das Kind unterstützen sollten.” 

Er beschreibt weiter, dass durch das sanfte, und manchmal sehr langsame Hervorlocken der Ursprungserinnerung möglich würde, dass aus der impliziten eine explizite Erinnerung würde – mit der unser Gegenüber auf eine absichtsvolle Weise umgehen kann. Der Hippocampus sei ein Teilbereich des Gehirns, der genau für diese Aufgabe zuständig wäre – das Zusammenpuzzeln der impliziten Fragmente zu einem expliziten Gesamtbild, einer Geschichte, die ich erzählen kann.

Lebenskrisen und Geschichten

Unser Bindungsverhalten, das heißt die Art und Weise, wie wir in Beziehung gehen, wird in erster Linie durch implizite Erinnerungen geprägt. Am deutlichsten wird dies oft in Partnerschaft, oder wenn wir als Erwachsene selbst Kinder bekommen und dabei feststellen, dass wir ähnliche Verhaltensweisen zeigen, wie wir sie von unseren eigenen Eltern kennen. In manchen Fällen bedeutet dies leider ein Zurückfallen auf ungesunde Beziehungsmuster, die eine sichere, geborgene Bindung für die Kinder nicht ermöglichen können.

Neurobiologisch betrachtet gibt es einen Ausweg:

“Unterm Strich geht es vor allem um das, was wir die “Geschichte unseres Lebens” nennen könnten – die Geschichte die wir selbst darüber erzählen wer wir sind und wie wir zu dieser Person geworden sind. Die Geschichte unseres Lebens bestimmt, welche Gefühle wir mit unserer Vergangenheit verbinden, sie bestimmt unser Verständnis dafür, warum die Bezugspersonen in unserem Leben sich so verhalten haben wie sie es taten, und unsere Wahrnehmung davon, inwieweit unsere Erfahrungen unsere Entwicklung beeinflusst haben. Wenn wir unsere eigene Geschichte in sich folgerichtig und kohärent erzählen können, haben wir es geschafft, unserer Vergangenheit einen Sinn zu geben.”

Siegel betont, dass die Forschung klar zeige, dass auch Erwachsene die selbst eine weniger-als-optimale Kindheit durchlebt hätten, gute Eltern werden und Kinder großziehen könnten, die sich ebenso geliebt und sicher gebunden fühlen, wie die Kinder von Eltern deren eigenes Familienleben bereits liebevoll und Halt gebend gewesen sei. Nicht die Lebenserfahrung sei der letzte ausschlaggebende Punkt, sondern der Grad unserer Verarbeitung des Erlebten.

“Indem du deiner Vergangenheit einen Sinn gibst, kannst du dich von einer Last befreien, die anderenfalls ein generationenübergreifendes Erbe von Leid und unsicherer Bindung mit sich bringen könnte. Stattdessen wird es dir möglich, selbst ein Erbe der Geborgenheit und Liebe für die Kinder weiterzugeben.” 

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Erinnern üben

Mit dem Gedächtnis ist es wie mit allen Funktionen des Gehirns – indem wir es üben, gedeiht und wächst es.

Für schmerzhafte Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto klarer können wir sie verarbeiten und einen Sinn in ihnen finden.

Und für schöne Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto weitreichender und bestimmender können sie für unser Leben werden.

Deshalb empfiehlt Dan Siegel, so viel wie möglich gemeinsam Geschichten zu teilen, sowohl über die schönen, als auch über die schwierigen Momente des Lebens.

Wir können dies für uns selbst, für die Menschen um uns herum und auch für die Kinder in unserem Umfeld nutzen.

Die Kraft des Zuhörens

Als Zuhörer habe ich die Gelegenheit und Aufgabe, mich nicht passiv von den Geschichten berieseln zu lassen, als würde ich vor dem Fernseher sitzen. Vielmehr können die Geschichten den Raum füllen, den ich bereite – ich locke die Geschichten heraus, durch mein Zuhören, mein Vertrauen, meine Fragen, meine Aufmerksamkeit, Anteilnahme, mein den anderen so-sein-lassen und in seinen eigenen Lösungswegen ermächtigen und meine Wertschätzung.

“Meine Großmutter hat in mir den Grundstein für meine Freude am Frösche-fangen und Angeln gelegt. Oma wusste, was ihre Aufgabe war. Ihre Aufgabe war es, meine Geschichten einzufangen. Dadurch dass ich eine Oma hatte, die zuhause auf mich wartete, wollte ich jede Menge Sachen entdecken, lernen und sammeln, wenn ich draußen unterwegs war.

Jon Young

Die Rolle der Ältesten

Bei den Dagara in Burkina Faso wird einmal im Jahr ein Fest gefeiert, das die Verbindung zwischen den Ältesten und den Jüngsten, den Kindern, stärke.

Sobonfu Somé erzählt, das diese beiden Altersgruppen miteinander den meisten Austausch im Dorf pflegten – die Kinder seien bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren noch viel stärker mit der geistigen Welt verbunden und würden wichtige “Nachrichten” überbringen können. Außerdem würden sie jeden Tag so vieles erleben – und wer hätte mehr Zeit, dies anzuhören als die Ältesten des Dorfes?

Ein wichtiger Bestandteil der Feierlichkeiten sei es, dass die Älteren den Kindern versichern, immer für sie da zu sein, wenn sie jemandem ein Erlebnis oder irgend etwas anderes erzählen wollten.

Und der Begriff Ältester in der Dagara Sprache? Er bedeute:“eine Person die so lange vom Leben im eigenen Saft gekocht wurde, bis sie richtig wohlschmeckend wurde”.

Wer könnte sich besser für das Anhören von Geschichten aller Arten eignen, als jemand auf den diese Beschreibung zutrifft?

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Wege zum Geschichten teilen…

Unserer Erfahrung nach gelingt das Geschichten teilen am besten wenn Älteste dabei sind – aber es ist auch ohne ihre physische Anwesenheit möglich.

Bewährt hat sich in Gruppen:

  • im Kreis sitzen oder zu zweit sitzen oder beim gemeinsamen Tun in den Redefluss kommen…
  • eine Kerze, Blumen, ein Feuer oder etwas anderes Kraft spendendes dabei haben…
  • still werden, den eigenen Körper und Geist erspüren und mit Rehohren darauf lauschen was zwischen den Worten zu hören ist…
  • einen Redestab oder Stein durch die Hände wandern lassen…
  • Geschichten in Karten einzeichnen, in gemalte Bilder verwandeln, zu Liedern oder Gedichten spinnen…
  • mit Fragen tiefer tauchen, Bilder, Emotionen, Gefühle wach werden lassen und würdigen…
  • einen besonderen, durch ein einfaches Ritual gewidmeten Raum für auftauchende Trauer und andere starke Emotionen zu schaffen, beispielsweise einzuladen, sie an eine Kerzenflamme, an die Erde, an ein natürliches Gewässer loszulassen…
  • die Erlebnisse mit Vergangenheit und Zukunft verbinden, mit etwas ganz anderem verknüpfen, Sinn finden und erfinden…
  • Erlebnisse nachspielen und gemeinsam mit den anderen noch einmal erleben…
  • und vieles mehr!

Geschichten von uns selbst, von uns allen und vom jetzt!

So wie Marshall Ganz schreibt, ermöglichten wir jedes Mal wenn wir eine Geschichte erzählen unserem Gegenüber, die Werte zu erleben, die uns zum Handeln bewegen würden. Diese persönlichen Geschichten seien jedoch nicht alles: Vielmehr seien sie eingebettet in und verwoben mit den Geschichten unserer Kultur, unserer Eltern, Freunde, Filme die wir gesehen haben, Büchern die wir gelesen haben und all dem woran wir glauben.

Indem wir unsere eigene, persönliche Geschichte mit der einer größeren Gruppe oder Gemeinschaft verknüpften, deren Werte wir teilten, könne daraus eine sehr viel Kraft entfesselnde Geschichte von uns Allen werden. Aus beidem könnten wir dann gemeinsam eine Geschichte unseres Jetzt machen, indem wir die Herausforderung aufzeigten, vor der wir alle stehen. Im Angesicht dieser Herausforderung könne die Aussicht auf eine unseren gemeinsamen Werten entsprechende Zukunft uns zu einem gemeinsamen, in Einigkeit vollführten Handeln im Hier und Jetzt verlocken.

Auf diese Weise kann jede von uns miteinander geteilte Geschichte dabei helfen, Kultur zu wandeln und für die Zukunft diejenigen Werte möglich zu machen, die wir gemeinsam einladen wollen.

Jede Geschichte ist damit wie ein Fenster: Wir holen Vergangenheit in die Gegenwart – und in diesem Moment wird sie sich auswirken auf die Zukunft.

Mehr dazu gibt es in unserem Connective Leadership Training…

 


Mehr als Spiegelneuronen – Wie wir VERBUNDEN miteinander sind

Wenn wir uns miteinander verbinden “[…] erfahren wir eine Resonanz unserer beider Gehirne, unserer beider limbischer Systeme. Unser zentrales Nervensystem beginnt, sich zu beruhigen. Unser Gehirn ist das einzige Organ, das sich nicht in sich selbst reguliert, sondern sich im Außen, durch ein anderes Gehirn reguliert. Wir brauchen einander, um unsere Gehirne zu regulieren.“ 

Hedy Schleifer beim TEDxTelAviv

connectionSeit der Entdeckung der Spiegelneuronen wissen wir, dass wir von Gehirn zu Gehirn miteinander verbunden sind. Der Hirnforscher Dan Siegel beschreibt, wie im Gehirn eines Menschen die Neuronen für “Essen” und “Trinken” feuern, wenn er jemand anders beim Essen und Trinken beobachtet – ebenso wie wenn er selbst in dem Moment Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen würde.

Verbindung

verbindungDan Siegel geht noch einen Schritt weiter und erklärt, dass die Spiegelneuronen nicht nur das Verhalten einer anderen Person in unserem Gehirn abbilden würden, sondern auch deren emotionalen Zustand. Er schreibt, man könne die Spiegelneuronen auch “Schwamm-Neuronen” nennen, weil sie nicht nur spiegeln würden, was die anderen tuen, sondern wir durch sie wie ein Schwamm in uns selbst aufnähmen, in welchem Zustand sich unser Gegenüber gerade befinde. In der Wissenschaft würde man dieses Phänomen “emotionale Ansteckung” nennen.

Der innere Zustand des anderen – ob Freude, Verspieltheit, Traurigkeit oder Angst beeinflusst somit unseren eigenen Geisteszustand. Wir nehmen den anderen Menschen mit in unsere eigene innere Welt auf.

In seinem Vortrag: Die Neurobiologie des WIR nennt Dan Siegel diesen Vorgang ein im Wortsinn gemeintes sich-miteinander-verbinden. Aus zwei unterschiedlichen Menschen entstehe im gemeinsamen Kontakt tatsächlich ein WIR, eine zwischenmenschliche Integration finde statt, in der jeder Beteiligte er selbst bleibe und doch mit der anderen Person zusammenfinde zu einem gemeinsamen und aufeinander abgestimmtem Ganzen.

So nähert die Hirnforschung sich vielleicht dem an, was Sobonfu Somé aus der Sicht ihrer Kultur den “Beziehungsgeist” nennt, ein drittes “Wesen”, das entstehe, wann immer zwei Menschen in Beziehung miteinander treten.

Der Raum dazwischen

DSC_0644-1Auch der jüdische Philosoph Martin Buber schrieb: „Beziehung lebt im Raum zwischen uns. Sie lebt nicht in mir und nicht in dir, nicht mal in unseren Dialog. Beziehung braucht den Raum zwischen uns, um sich zu entfalten… Dieser Raum ist heilig.”

Dan Siegel betont, dass es für eine gelingende Verbindung oder interpersonale Integration von zwei Gehirnen und den dazugehörigen Menschen erforderlich sei, dass jede/r BeziehungspartnerIn sich selbst gut kenne und wahrnehmen könne, über ein klares “Ich”-Gefühl in dem Moment verfüge.

Der Weg zum Anderen

Hedy Schleifer beschreibt, wie wir durch ein achtsames mit-uns-selbst-in-Verbindung kommen (wahrnehmen, was in mir selbst lebendig ist), dann ein aufmerksames über die Brücke gehen und den anderen in seiner Welt besuchen und wahrnehmen, was in ihm lebendig ist, es schaffen können, Verbindung zur Essenz des anderen Menschen aufzunehmen.

In dem Moment wo wir spüren und widerspiegeln oder mit Worten beschreiben, was wir in dem anderen wahrnehmen, berühren wir auf eine Weise die Essenz des anderen. So entsteht die nährende Verbundenheit, die dazu führt, dass sich unser gesamtes Nervensystem entspannen kann.

(Ver-)Bindung durch Mitgefühl

DSC04567-001Die Dagara in Burkina Faso wissen scheinbar um diesen Zusammenhang, denn eines der Grundprinzipien im Zusammensein mit Kindern (und Erwachsenen) das Sobonfu Somé vermittelt ist, mitzufühlen und dieses Mit-Fühlen auch deutlich dem anderen zu zeigen. Sobald ein Kind im Raum weint, lenkt sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden genau dort hin, erwidert selbst das Weinen und bekräftigt das Kind in seinem emotionalen Ausdruck.

Auch aus der Bindungsforschung wissen wir, dass diese Art von “gesehen werden” grundlegend wichtig ist, damit Kinder eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen entwickeln können. Sobonfu Somé sagt, dass ein Kind, was beispielsweise gestolpert ist und sich gestoßen hat, wenn sein Leiden ignoriert oder abgelehnt wird, auch so einen  relativ kleinen schmerzvollen Moment nicht vollständig und gesund verarbeiten könne. Vielmehr würde ihm durch eine verständnislose Reaktion vermittelt werden, dass es selbst etwas falsch gemacht habe oder sogar, dass es selber falsch sei.

Von Geburt an

DSC_0541Bei den Dagara wird schon die erste Begegnung eines Neugeborenen mit den Menschen des Dorfes so gestaltet, dass im Kind Resonanz und das Gefühl, angenommen zu sein, entstehen kann. Dabei imitieren die kleinen Kinder der Gemeinschaft die allererste Lautäußerung des Neugeborenen und erwidern somit seinen emotionalen Ausdruck. Auf diese Weise, sagt Sobonfu Somé, könne der Geist des kleinen Kindes erfassen, dass es am richtigen Ort angekommen ist.

Fehlende Bindung nachholen

Das Bindungsverhalten unserer frühen Bezugspersonen ist entscheidend dafür, wie sehr wir selbst als Erwachsene in der Lage sind, nun mit anderen Menschen sichere Bindung zu erleben und zu schenken.

Gerade in den letzten Jahren haben PsychologInnen wie Sabine Bode und Anne-Ev Ustorf in Deutschland begonnen, offen zu dokumentieren, wie stark die Erfahrungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg die Generation der heutigen Eltern und Großeltern geprägt haben. Unzählige unverarbeiteter Traumata haben vielfach dazu geführt, dass die Kinder der Kriegskinder keine sichere Bindung erleben und erlernen konnten.

DSC_1220Neben psychotherapeutischen Methoden ist es auch durch Meditation und Achtsamkeitspraxis möglich, für sich selbst ein Stück weit die Erfahrung sicherer Bindung nachzuholen. Indem ich die Rolle des Beobachters einnehme, meine körperlichen und emotionalen Zustände und Reaktionen wahrnehme, kann ich ihnen mit Mitgefühl und Zuwendung begegnen. Anstatt etwas negativ Besetztes, das sich in mir regt (wie Trauer, Wut, Hass oder andere Emotionen) abzulehnen oder zu verstecken, kann ich ihnen aus meinem erwachsenen Selbst heraus mit Verständnis begegnen – mich selbst annehmen mit allem was da in mir ist.

So schaffe ich es, die unterschiedlichen Anteile meiner Persönlichkeit zu integrieren – dabei gestalte ich buchstäblich mein Gehirn und damit auch meine Art in der Welt zu sein neu.

Bindung im Kreis

DSC_1486Auch in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Gruppen und Teams ist es möglich, einander (Ver-)Bindung zu schenken. Indem wir die unterschiedlichen Aspekte unseres Selbst miteinander teilen, davon erzählen, Emotionen zum Ausdruck bringen und einander mit Annahme und Zuwendung begegnen, erschaffen wir immer wieder neu eine Art des Zusammenseins, die Verbindung schafft und damit in jedem einzelnen von uns die Bindungsfähigkeit stärken kann. Und dank der Spiegelneuronen sind wir bestens dafür ausgestattet, dies zu tun, besonders wenn Menschen anwesend sind, an deren sicherer (Ver-)Bindung unser Gehirn andocken kann. Dies nennt Dan Siegel “positive mentale Modelle” – denn jedes Mal wo wir im Kontakt mit einem anderen Menschen Wärme, Verbundenheit und Geborgenheit erfahren, richtet sich unser Gehirn und damit unser gesamtes System ein Stückchen weiter in Richtung sicherer Bindung aus.

Durch das Verbinden ermöglichen wir somit füreinander, nach und nach einschränkende Verhaltens-Muster abzulegen, die wir vielleicht schon lange mit uns tragen.

Goldberg’s Anzug

Hedy Schleifer erzählt die Geschichte vom Schneider Goldberg, dessen Kunde ihn mit seinem neuen Anzug aufgebracht besucht:

Herr Goldberg, dieser Ärmel passt überhaupt nicht.“
„Ja, sagt Goldberg, für diesen Ärmel müssen Sie Ihre Hand eher so halten.“
„Na gut“, sagt der Kunde und hält die Hand wie ihm gezeigt wurde.
Aber schauen Sie mal diesen Arm hier an, und dieses Bein – die passen auch nicht.“ Goldberg gibt ihm weitere Empfehlungen dazu, wie der Arm und das Bein zu halten seien. Zufrieden mit dem Ergebnis bezahlt der Mann und geht hinaus auf die Straße.

Eine Frau sieht ihn im Vorbeigehen und platzt heraus: „Was für ein fantastischer Schneider! Schaut, er hat etwas für einen Menschen mit so einem verdrehten Körper gemacht, und es passt ihm wie angegossen.“

Dieser Mann seien wir selbst, sagt Hedy Schleifer. Wir hättenen jede Menge Zeug um unsere Essenz herum angesammelt, von dem wir glaubten, das wären wir.

In den Momenten aber wo wir wahrhaftig in Verbindung gehen, wird unser Geist genährt, die Verrenkungen fallen ab und unsere Essenz kann wieder sichtbar werden.

Ein “Ja-Zustand” als fruchtbaren Boden

Nicht immer sind wir in der Lage, selbst in Verbindung zu gehen und sie bewusst zu empfangen. Wenn wir beispielsweise wie im Versuch von Dan Siegel mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander nichts als das Wörtchen “Nein” hörten, würden die meisten von uns allein dadurch, eher in einen verschlossenen Zustand übergehen, wo unsere Handlungsmöglichkeiten sich auf Varianten von Flüchten, Kämpfen oder Erstarren beschränkten.

Fürs Verbindungen knüpfen brauchen wir idealerweise den empfänglichen “Ja-“Zustand, dem die meisten Menschen sich näher fühlen würden, wenn sie mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander das Wörtchen “Ja” gehört haben. Er ist davon gekennzeichnet, dass Gesicht und Stimmbänder sich entspannen, Blutdruck und Herzschlag sich beruhigen und wir uns bereit fühlen, etwas von jemand anders zu empfangen oder etwas zu schenken. Es ist eine mögliche Beschreibung für das vom Mohawk Chief Jake Swamp überlieferte Friedensstifter-Prinzip von “Frieden” (das in Büchern der Irokesen-Konföderation, eines nordamerikanischen Völkerbunds, oft als “Gesundheit” erscheint).

Konflikte in Verbindung lösen

VerbundenheitDer Moment der Verbindung trägt für beide Menschen das Potential zur Veränderung in sich – für den Bezeugenden sowie auch den Bezeugten.

Dan Siegel empfiehlt, Kindern von klein auf zu ermöglichen, Konflikte mit dem Blick auf die Gemeinschaft oder die Beziehung zu lösen. Im Friedensstiften finden wir das Prinzip der “Guten Worte” bzw. der “Rechtschaffenheit“, das uns dazu inspiriert, das Wohl des anderen ebenso zu bedenken wie das eigene Wohl und das Wohlergehen der Gemeinschaft, sowie der zukünftigen Generationen.

Durch ein gemeinsames Suchen nach Punkten echter “Einigkeit”, nach einer Lösung mit der alle Betroffenen sich gesund und glücklich fühlen können, stärken wir unsere Verbundenheit miteinander und fördern unsere Konfliktlösungsfähigkeit. Wir lernen uns außerdem selbst besser kennen, denn für den Prozess ist es notwendig, genau zu wissen, welche Bedürfnisse im Kern unserer Wünsche und Vorstellungen liegen.

Laut Dan Siegel gehören zur verbindungs-orientierten Konfliktfähigkeit auch aktive Bemühungen um eine angemessene Form der Wiedergutmachung, wenn es in einem Streit Verletzungen gegeben hat, so dass die Bedürfnisse unseres Gegenübers gestillt werden können.

Leben in Verbindung

Indem wir mit Empathie und Aufmerksamkeit für uns selbst die Brücke zur Welt des anderen überqueren, bereit gemeinsam einen Weg der Einigkeit zu finden, können wir oftmals Dinge erkennen, von denen wir keine Ahnung hatten, dass sie existieren und Lösungen finden, die wirklich schöpferisch und kreativ sind.

Unser Gehirn ist ein soziales Organ, das bereits vor der Geburt dafür gemacht ist, in Beziehung zu sein. Es formt sich dadurch, dass wir mit anderen lebenden Wesen in Kontakt sind.

Und nichts beeinflusst nachweislich unser subjektives Empfinden von Glück und Zufriedenheit so sehr, wie unser in-Verbindung-mit-anderen-sein, bei gleichzeitigem Bewusstsein für die eigene, einzigartige und vielschichtige Identität.

Laut einer 2002 durchgeführten Studie von Ed Diener, ist es vor allem das Vorhandensein von gesunden und mit viel Nächstenliebe von uns geführten Beziehungen, die darüber Aufschluss geben, wie glücklich wir selbst sind.

Oder wie Desmond Tutu es sagt: “In Wahrheit sind wir, was wir sind, weil wir verbunden sind.”

 

Mehr dazu:

Emiliana Simon Thomas: http://greatergood.berkeley.edu/article/item/want_to_be_happy_make_your_relationships_exceptional

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs (HERDER spektrum)

Dan Siegel: Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes

Dan Siegel:Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation: Vorwort von Daniel Goleman

Dan Siegel: The Neurobiology of We

Vortrag von Hedy Schleifer beim TED TelAViv:


Gemeinschaft mit den Nachbarn – Artikel in der Oya 38/2016

image1In der Oya 38 zum Thema “Nachbarschaft” ist ein Leitartikel von Elke Loepthien: “Gemeinschaft mit den Nachbarn – Ein Schnellkurs im Verbindungsweben mit Menschen jeglicher Art im Alltag”. 

Wenn du magst kannst du dieses Heft kostenlos bekommen, indem du einfach eine Email an folgende Adresse schickst:

leserservice@oya-online.de
Betreff: Nachbarschafts-Oya/Elke Loepthien
Text zum Beispiel:  Liebes Oya-Team, ich bitte um ein unverbindliches, kostenloses Probeheft der Oya Ausgabe 38 zum Thema „Nachbarschaft“ mit dem Artikel von Elke Loepthien.
Dann deine postalische Adresse angeben.

Wer über www.oya-online.de ein Probeheft bestellt, bekommt immer die vorletzte Ausgabe zugeschickt. Deshalb klappt es nur, wenn du die Bestellung direkt per E-Mail an den Leserservice sendest.

Online findest du den Artikel hier.

Viel Spaß beim Lesen!


Der einfachste Baustein zum Glücklichsein…

“Wir sind nur dann wirklich lebendig, wenn unser Herz sich  unserer Schätze bewusst ist.” 
Thornton Wilder

Wie Klettverschluss und Teflon

In unserer Wahrnehmung der Welt ist eine interessante Dynamik festzustellen, die vom Psychologen Rick Hanson beschrieben wurde:

“Das menschliche Gehirn sucht, registriert, verwahrt, erinnert und reagiert vor allem auf unerfreuliche Erfahrungen. Es verhält sich wie ein Klettstreifen für negative und wie Teflon für positive Erlebnisse.”

Aus diesem Grund haben wir eine natürliche Neigung dazu, ein in der Tiefe pessimistisches und düsteres Lebensgefühl zu entwickeln – sogar wenn wir viel mehr positive als negative Erlebnisse haben.

Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, diese Düsterkeit auch in unsere Zukunft zu projizieren, vielleicht ein Grund für die immer wiederkehrenden Prophezeiungen für den Weltuntergang.

Der 5/1-Faktor 

Der Paarpsychologe John Gottman stellte fest, dass in gelingenden Beziehungen ein Verhältnis von 5/1 besteht zwischen Positivem und Negativem: Nur einmal Kritik auf fünfmal Wertschätzung, einmal Ärger auf fünfmal Freude, eine Klage auf fünf Komplimente. Dasselbe gilt auch für Teams und Organisationen.

Es braucht also viel mehr Gutes als Negatives, damit wir glücklich sein können und dieses Gute will auch wahrgenommen werden.

Wie kannst du dem Guten in deinem persönlichen Leben, in Familie und Gemeinschaft mehr Raum geben? Durch Danken!

Aber kann Danken wirklich Glücklichkeit hervorbringen?

Dankbarkeit ist ein Schlüssel

Das kann es! Vor einigen Jahren veröffentlichten die Wissenschaftler McCullough und Emmons ein ganzes Buch darüber.

Sie fanden heraus, dass Dankbarkeit als Schlüsselelement in vielen Kulturen der Welt angesehen wurde und bewiesen in einer Studie, dass tägliches Üben von Danksagungen die Zufriedenheit und Glücklichkeit im Leben eines Menschen erheblich steigern.

Dankbarkeit als Baustein für Kultur

Regelmäßiges Danken verändert deine gesamte Wahrnehmung zugunsten der kleinen und großen Geschenke im Leben.

Die menschliche Grundtendenz, mehr auf negative Erfahrungen zu achten, mag wichtig für unser physisches Überleben sein.

Das kulturelle Element des Dankens scheint dagegen eine wichtige Rolle für unser geistiges und spirituelles Überleben zu spielen. Ganz sicher ist es wichtig für unsere Fähigkeit, ein gutes und befriedigendes Leben für uns selbst und unsere Lieben zu schaffen. 

Weitergeben und wachsen lassen

Zuhause erzählen mein 6jähriger Sohn und ich einander abends beim Ins-Bett-Bringen, wofür wir heute dankbar sind. Kinder finden es toll, ihre Dankbarkeit für Sonnenschein, Tierbegegnungen, Feuerwehrautos oder helfende Nachbarn auszusprechen und auf diese Weise die Geschichte ihres Tages zu ernten. Es hilft ihnen auch dabei, die Wertschätzung und Liebe für Natur und Menschen in sich wachsen zu lassen.

“Die Worte die vor allen anderen kommen” 

Bei den Haudenosaunee, der Konföderation der Irokesen-Stämme in Nordamerika, wird jeder Tag und jede Versammlung mit einer Danksagung eröffnet, den “Worten die vor allen anderen kommen”. Sie dient dazu, Wertschätzung, Liebe und Dank für alle Wesen der Natur auszudrücken und dabei unseres eigenen Platzes innerhalb der natürlichen Welt bewusst zu werden.

Das gemeinsame Danken für die gesamte Schöpfung hilft, die Herzen und den Verstand der Menschen zu öffnen und zu fokussieren, um gut miteinander zu kommunizieren, zu lernen oder Entscheidungen zu treffen. Es erinnert uns auch daran, welchen Platz wir als Menschen innerhalb der Schöpfung einnehmen und wie stark verbunden wir mit allen natürlichen Wesen und allen anderen Menschen sind.

Diese “Thanksgiving Address”, wie sie auch genannt wird, ist eine regionaltypische Form des Dankens, die uns für unser eigenes Leben inspirieren kann.

Sie ist eins von einer Vielzahl ganz unterschiedlicher kultureller Elemente, die wir ab April 2013 in der Wildnis- und Natur-Kultur-Pädagogik Weiterbildung gemeinsam ausprobieren und erforschen werden.

Weiter unten kannst du einen Film sehen, in dem die Mohawk Geschichtenerzählerin Kay Olan die traditionelle Danksagung spricht. Die Bilder dazu wurden von der Tuscarora Künstlerin Melanie Printup Hope gefertigt und mit Fotografien ergänzt.

Ich wünsche dir ein neues Jahr voller kleiner und großer Dankbarkeiten!

Elke