Zu Besuch bei den Buschleuten der Kalahari

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

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„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.

IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.

IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.

DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.

Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.

IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.

Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.

IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.

DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.

Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.

IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.

IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.

IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.

Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.

Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.

27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.

Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.

IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.

Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.

Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.

IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.

DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.

Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.

IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.

Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.


Storytelling und Was passiert im Gedächtnis wirklich?

 

storytelling

 

Geschichten als eine Hälfte des Wissens

Der Harvard-Professor Marshall Ganz schreibt, wir würden die Welt auf zwei Weisen interpretieren: Analyse und Erzählung. Während es bei der Analyse um Vernunft und Beweise gehe, würden wir unser Verständnis davon, wer wir sind, wohin wir gehen und warum durch Erzählung entwickeln. Erzählungen drückten eher aus, wie wir bestimmten Dingen gegenüber empfinden, als was wir über sie denken. “Die ‘Wahrheit’ einer Geschichte liegt darin, wie sie uns bewegt,” schreibt er. “Diese uralte Form der Interpretation hilft uns dabei, die Frage zu beantworten WARUM wir handeln sollten – was unsere Motivation ist.”

Marshall Ganz unterrichtet ein Fach, dass sich “Public Narrative” nennt – Öffentliches Erzählen. Er beschreibt sein Grundverständnis wie folgt: “Geschichtenerzählen ist handlungsorientiertes Reden – wir übertragen damit unsere Werte direkt in eine Motivation zum Handeln. Eine Geschichte besteht aus nur drei Elementen: die Handlung, die Charaktere und die Moral. Die Auswirkungen der Geschichte hängen vom Rahmen ab: Wer die Geschichte erzählt, wer zuhört, wo diese Menschen sich aufhalten, warum sie dort sind und wann.”

Besondere Bedeutung misst er der eigenen, persönlichen Geschichte bei: Wir würden dabei enthüllen, was für ein Mensch wir sind, was die Quellen unserer Werte sind, auf eine Weise die es anderen ermöglicht, sich damit ein Stück weit zu identifizieren. Je mehr Details aus unserem Leben wir dabei erinnerten, desto mehr könnten wir unser Gegenüber bewegen.

Verbreitete Mythen über das Gedächtnis

Der Begründer der Interpersonalen Neurobiologie Dan Siegel beschreibt in seinem Buch “The Whole Brain Child” zwei weit verbreitete, falsche Annahmen darüber, wie das Erinnern funktioniere:

Mythos #1: Gedächtnis sei wie eine Art Karteikasten im Kopf. Wenn du dich an etwas erinnern willst, bräuchtest du nur den richtigen Hefter im Gehirn hervorzuziehen und die Erinnerung läge vor dir. 

In Wirklichkeit ginge es beim Erinnern vor allem ums Assoziieren, betont Siegel. Das Gehirn sei eine Art “Assoziations-Maschine”, wo etwas Gegenwärtiges wie ein Gedanke, ein Gefühl, ein Geruch oder Bild beständig mit etwas Vergangenem verknüpft würde. Die vergangenen Erlebnisse beeinflussten also andauernd, was und wie wir in der Gegenwart wahrnehmen.

Damit beschreibe der Begriff Gedächtnis an sich eigentlich die Art und Weise in der ein vergangenes Erlebnis sich auf die Gegenwart auswirke. Da jedes Mal wenn Dinge sich gleichzeitig ereignen die dafür stehenden Neuronen gleichzeitig “feuern”, kommt es zu Verbindungen, die aktiviert werden, sobald einer der beiden Reize stattfindet. Wenn ich beispielsweise mehrere Male erlebt habe, dass vor Beginn eines Workshops der Raum geräuchert wird, löst der Geruch von Salbei (oder was auch immer verwendet wurde) in mir ein (vielleicht sogar unbewusstes) “mich innerlich bereit machen” aus, weil mein Gehirn aufgrund der vorherigen Erfahrungen erwartet, dass jetzt gleich etwas losgeht.

Mythos #2: Gedächtnis sei wie eine Art Kopiergerät. Wenn man Erinnerungen abruft würde man eine genaue Reproduktion dessen sehen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. 

Auch hier betont Siegel, dass dies nicht der Realität entspreche. Vielmehr würde man sich zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich erinnern. Der Vorgang des daran Erinnerns verändere ein Erlebnis, manchmal leicht, manchmal sogar ganz drastisch. Deshalb gibt eine unserer Ältesten, Julie Langhorne aus Kalifornien, oft den Rat, bei Konflikten nicht zu probieren, Geschehnisse aus der Vergangenheit zu Rate zu ziehen, denn “alle Beteiligten erinnern sich sowieso falsch”.

Oder wie Siegel es nennt: “Die Geschichte die du erzählst, ist weniger eine Abbildung der tatsächlichen Historie, als eine auf der Historie basierende Fiktion.”

Zwei Arten des Erinnerns

Wenn man Autofahren lernt, braucht es eine ganze Weile, bis alle unterschiedlichen Handlungen miteinander koordiniert sind und flüssig ablaufen: Kuppeln, Gas geben, Schalten, Lenken, Blinken, Bremsen, Schalten… erst mit der Zeit schaffen wir es, dies ohne groß nachzudenken zu tun und dann später nebenbei vielleicht sogar Unterhaltungen zu führen, zu essen, die Schönheit der Landschaft wahrzunehmen oder uns im Gewirr einer großen Stadt zu orientieren.

Dies ist laut Dan Siegel eine Form des Erinnerns: Vergangene Erfahrungen beeinflussten unser Verhalten in der Gegenwart – ohne dass wir uns überhaupt bewusst seien, dass unser Gedächtnis gerade aktiv ist. Man nennt dies “implizites Erinnern“.

In dem Moment wo wir statt des Autofahrens aber zurück denken würden an die ersten Stunden in der Fahrschule, die dazugehörigen Emotionen und Körpergefühle wieder in uns wach werden ließen, seien wir uns bewusst, dass wir gerade etwas erinnerten. Der Begriff hierfür ist “explizites Erinnern“.

Der Haken unbewusster Erinnerungen

Unser gesamtes Leben lang, würden wir so schreibt Siegel, implizite Erinnerungen speichern. In den ersten 18 Lebensmonaten sogar ausschließlich. Diese impliziten Erinnerungen seien der Grund dafür, dass in uns Erwartungen entstünden, darüber wie die Welt funktioniere. Im Kern wäre dies ein Prozess dessen Sinn und Zweck es sei, uns sicher und außerhalb von Gefahren zu halten. Wenn wir etwas sehr Unangenehmes erleben, wird ein Teil der Geschichte (zunächst) implizit gespeichert. Ein kleines Kind, dem beim ersten Tauchversuch jede Menge Wasser in die Nase läuft, wird vielleicht Monate später beim Anblick eines Sees alles daran setzen, nicht hineingehen zu müssen.

Siegel schreibt: “Wann immer ein Kind sich ungewöhnlich unvernünftig zu verhalten scheint, kann dies vielleicht daran liegen, dass eine implizite Erinnerung ein mentales Modell erschaffen hat, bei dessen Erforschung wir das Kind unterstützen sollten.” 

Er beschreibt weiter, dass durch das sanfte, und manchmal sehr langsame Hervorlocken der Ursprungserinnerung möglich würde, dass aus der impliziten eine explizite Erinnerung würde – mit der unser Gegenüber auf eine absichtsvolle Weise umgehen kann. Der Hippocampus sei ein Teilbereich des Gehirns, der genau für diese Aufgabe zuständig wäre – das Zusammenpuzzeln der impliziten Fragmente zu einem expliziten Gesamtbild, einer Geschichte, die ich erzählen kann.

Lebenskrisen und Geschichten

Unser Bindungsverhalten, das heißt die Art und Weise, wie wir in Beziehung gehen, wird in erster Linie durch implizite Erinnerungen geprägt. Am deutlichsten wird dies oft in Partnerschaft, oder wenn wir als Erwachsene selbst Kinder bekommen und dabei feststellen, dass wir ähnliche Verhaltensweisen zeigen, wie wir sie von unseren eigenen Eltern kennen. In manchen Fällen bedeutet dies leider ein Zurückfallen auf ungesunde Beziehungsmuster, die eine sichere, geborgene Bindung für die Kinder nicht ermöglichen können.

Neurobiologisch betrachtet gibt es einen Ausweg:

“Unterm Strich geht es vor allem um das, was wir die “Geschichte unseres Lebens” nennen könnten – die Geschichte die wir selbst darüber erzählen wer wir sind und wie wir zu dieser Person geworden sind. Die Geschichte unseres Lebens bestimmt, welche Gefühle wir mit unserer Vergangenheit verbinden, sie bestimmt unser Verständnis dafür, warum die Bezugspersonen in unserem Leben sich so verhalten haben wie sie es taten, und unsere Wahrnehmung davon, inwieweit unsere Erfahrungen unsere Entwicklung beeinflusst haben. Wenn wir unsere eigene Geschichte in sich folgerichtig und kohärent erzählen können, haben wir es geschafft, unserer Vergangenheit einen Sinn zu geben.”

Siegel betont, dass die Forschung klar zeige, dass auch Erwachsene die selbst eine weniger-als-optimale Kindheit durchlebt hätten, gute Eltern werden und Kinder großziehen könnten, die sich ebenso geliebt und sicher gebunden fühlen, wie die Kinder von Eltern deren eigenes Familienleben bereits liebevoll und Halt gebend gewesen sei. Nicht die Lebenserfahrung sei der letzte ausschlaggebende Punkt, sondern der Grad unserer Verarbeitung des Erlebten.

“Indem du deiner Vergangenheit einen Sinn gibst, kannst du dich von einer Last befreien, die anderenfalls ein generationenübergreifendes Erbe von Leid und unsicherer Bindung mit sich bringen könnte. Stattdessen wird es dir möglich, selbst ein Erbe der Geborgenheit und Liebe für die Kinder weiterzugeben.” 

Foto: Shutterstock.com

 

Erinnern üben

Mit dem Gedächtnis ist es wie mit allen Funktionen des Gehirns – indem wir es üben, gedeiht und wächst es.

Für schmerzhafte Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto klarer können wir sie verarbeiten und einen Sinn in ihnen finden.

Und für schöne Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto weitreichender und bestimmender können sie für unser Leben werden.

Deshalb empfiehlt Dan Siegel, so viel wie möglich gemeinsam Geschichten zu teilen, sowohl über die schönen, als auch über die schwierigen Momente des Lebens.

Wir können dies für uns selbst, für die Menschen um uns herum und auch für die Kinder in unserem Umfeld nutzen.

Die Kraft des Zuhörens

Als Zuhörer habe ich die Gelegenheit und Aufgabe, mich nicht passiv von den Geschichten berieseln zu lassen, als würde ich vor dem Fernseher sitzen. Vielmehr können die Geschichten den Raum füllen, den ich bereite – ich locke die Geschichten heraus, durch mein Zuhören, mein Vertrauen, meine Fragen, meine Aufmerksamkeit, Anteilnahme, mein den anderen so-sein-lassen und in seinen eigenen Lösungswegen ermächtigen und meine Wertschätzung.

“Meine Großmutter hat in mir den Grundstein für meine Freude am Frösche-fangen und Angeln gelegt. Oma wusste, was ihre Aufgabe war. Ihre Aufgabe war es, meine Geschichten einzufangen. Dadurch dass ich eine Oma hatte, die zuhause auf mich wartete, wollte ich jede Menge Sachen entdecken, lernen und sammeln, wenn ich draußen unterwegs war.

Jon Young

Die Rolle der Ältesten

Bei den Dagara in Burkina Faso wird einmal im Jahr ein Fest gefeiert, das die Verbindung zwischen den Ältesten und den Jüngsten, den Kindern, stärke.

Sobonfu Somé erzählt, das diese beiden Altersgruppen miteinander den meisten Austausch im Dorf pflegten – die Kinder seien bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren noch viel stärker mit der geistigen Welt verbunden und würden wichtige “Nachrichten” überbringen können. Außerdem würden sie jeden Tag so vieles erleben – und wer hätte mehr Zeit, dies anzuhören als die Ältesten des Dorfes?

Ein wichtiger Bestandteil der Feierlichkeiten sei es, dass die Älteren den Kindern versichern, immer für sie da zu sein, wenn sie jemandem ein Erlebnis oder irgend etwas anderes erzählen wollten.

Und der Begriff Ältester in der Dagara Sprache? Er bedeute:“eine Person die so lange vom Leben im eigenen Saft gekocht wurde, bis sie richtig wohlschmeckend wurde”.

Wer könnte sich besser für das Anhören von Geschichten aller Arten eignen, als jemand auf den diese Beschreibung zutrifft?

2012-08-20 20.37.37

Wege zum Geschichten teilen…

Unserer Erfahrung nach gelingt das Geschichten teilen am besten wenn Älteste dabei sind – aber es ist auch ohne ihre physische Anwesenheit möglich.

Bewährt hat sich in Gruppen:

  • im Kreis sitzen oder zu zweit sitzen oder beim gemeinsamen Tun in den Redefluss kommen…
  • eine Kerze, Blumen, ein Feuer oder etwas anderes Kraft spendendes dabei haben…
  • still werden, den eigenen Körper und Geist erspüren und mit Rehohren darauf lauschen was zwischen den Worten zu hören ist…
  • einen Redestab oder Stein durch die Hände wandern lassen…
  • Geschichten in Karten einzeichnen, in gemalte Bilder verwandeln, zu Liedern oder Gedichten spinnen…
  • mit Fragen tiefer tauchen, Bilder, Emotionen, Gefühle wach werden lassen und würdigen…
  • einen besonderen, durch ein einfaches Ritual gewidmeten Raum für auftauchende Trauer und andere starke Emotionen zu schaffen, beispielsweise einzuladen, sie an eine Kerzenflamme, an die Erde, an ein natürliches Gewässer loszulassen…
  • die Erlebnisse mit Vergangenheit und Zukunft verbinden, mit etwas ganz anderem verknüpfen, Sinn finden und erfinden…
  • Erlebnisse nachspielen und gemeinsam mit den anderen noch einmal erleben…
  • und vieles mehr!

Geschichten von uns selbst, von uns allen und vom jetzt!

So wie Marshall Ganz schreibt, ermöglichten wir jedes Mal wenn wir eine Geschichte erzählen unserem Gegenüber, die Werte zu erleben, die uns zum Handeln bewegen würden. Diese persönlichen Geschichten seien jedoch nicht alles: Vielmehr seien sie eingebettet in und verwoben mit den Geschichten unserer Kultur, unserer Eltern, Freunde, Filme die wir gesehen haben, Büchern die wir gelesen haben und all dem woran wir glauben.

Indem wir unsere eigene, persönliche Geschichte mit der einer größeren Gruppe oder Gemeinschaft verknüpften, deren Werte wir teilten, könne daraus eine sehr viel Kraft entfesselnde Geschichte von uns Allen werden. Aus beidem könnten wir dann gemeinsam eine Geschichte unseres Jetzt machen, indem wir die Herausforderung aufzeigten, vor der wir alle stehen. Im Angesicht dieser Herausforderung könne die Aussicht auf eine unseren gemeinsamen Werten entsprechende Zukunft uns zu einem gemeinsamen, in Einigkeit vollführten Handeln im Hier und Jetzt verlocken.

Auf diese Weise kann jede von uns miteinander geteilte Geschichte dabei helfen, Kultur zu wandeln und für die Zukunft diejenigen Werte möglich zu machen, die wir gemeinsam einladen wollen.

Jede Geschichte ist damit wie ein Fenster: Wir holen Vergangenheit in die Gegenwart – und in diesem Moment wird sie sich auswirken auf die Zukunft.

Mehr dazu gibt es in unserem Connective Leadership Training…